„Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, hatte Florian Fischer mit diesem Zitat von Oscar Wilde sofort die volle Aufmerksamkeit der Versammelten. Und es war ihm wichtig, gleich zu Beginn seiner Gedenkrede keinen Hehl daraus zu machen, unter welchen Umständen seine heutige Wirkungsstätte, das Kreismuseum Osterburg, gegründet wurde. Nämlich 1935; als die Wirtschaft schon auf Krieg umgestellt wurde; und nicht als kulturelle Einrichtung im heutigen Sinne, sondern zur „nationalsozialistischen weltanschaulichen und politischen Schulung“, wie es in der Gründungsdenkschrift des Landrates von damals dokumentiert ist. Er malte eine eindrucksvoll sprachliche Landkarte aus Leid, Verschleppung, Widerstand mit konkretem Bezug auf echte Schicksale von Osterburgerinnen und Osterburgern. Davor und danach. So seien es am 12. April 1945 vor allem die Frauen Osterburgs gewesen, die sich gegen den Befehl deutscher Soldaten stellten, Straßensperren zu erreichten, um den Ort zu verteidigen. Nur einen Tag später war die Stadt befreit – ohne weitere Opfer beklagen zu müssen. Vorerst... Denn nach der sowjetischen Besatzung ab Juli 1945 wurden in Osterburg 57 namentlich bekannte Sozialdemokraten, bürgerliche Politiker, „politisch unzuverlässige“ Menschen verhaftet und verschleppt, von denen 40 nicht zurückkehrten, sondern in Sachsenhausen und Mühlberg – den einstigen Konzentrationslagern der Faschisten – ermordet wurden. „Auch das darf an diesem Tag nicht verschwiegen werden“, klärte Fischer auf.
„1945 endete ein imperialer Krieg, der aus dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts gewachsen war. Die Antwort darauf war internationale Kooperation, Vereinte Nationen, die EU – mit der Idee: Verflechtung macht Krieg unwahrscheinlicher. Heute erleben wir das Gegenteil: Deglobalisierung, Zölle, Abschottung – und gleichzeitig kehrt imperiale Politik zurück. Die Befreier von damals sind heute andere Länder. Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ein amerikanischer Präsident höhlt demokratische Institutionen aus und erpresst Verbündete. Das 19. Jahrhundert lässt grüßen. Und Deutschland ist auch ein anderes Land…“, sprach der Museumsleiter das Heute an. „Und dazu komme etwas, das das 19. Jahrhundert nicht kannte: eine Krise, die keine politische Verhandlungslösung hat. Das Klima wartet nicht auf Wahlergebnisse!“ Es gehe um Haltung. Wachsamkeit. Den Willen, die Demokratie zu verteidigen – gegen alle, die heute dieselben Mittel von damals benutzen. „Die Geschichte reimt sich“, spannte Fischer den Bogen zum Anfang seiner Rede und mahnte, den Reim zu erkennen bevor er sich vollende. Denn der 8. Mai erinnere daran, dass Befreiung möglich ist. „Und dass sie erkämpft werden muss – immer wieder.“
Die passende musikalische Umrahmung steuerte die Schülerband des Markgraf-Albrecht-Gymnasiums „Smoothy Socks“ mit z. B. einem selbst komponierten Lied namens „Irgendwas gegen Rassismus“ und DEM antifaschistischen Widerstandslied „Bella Ciao“ bei, bevor Klaus-Jürgen Schulz von den LINKEN mit den Worten „Wenn wir Zukunft gestalten wollen, brauchen wir Optimismus, Freiheit, Hoffnung – nicht das Gegenteil Darum müssen wir uns der Vergangenheit stellen und Verantwortung übernehmen“ zur Kranzniederlegung überleitete.

